Abitur-Training: Analysis — Leistungskurs
Eine Schar mit wandernden Gipfeln
AFB I · ReproduzierenFür jedes $a > 0$ ist die in $\mathbb{R}$ definierte Funktion $f_a$ mit $f_a(x) = x \cdot e^{1 - a \cdot x}$ gegeben. Die Abbildung zeigt die Graphen der drei Scharkurven zu $a = 0{,}5$, $a = 1$ und $a = 2$.
- Berechnen Sie die Nullstellen von $f_a$ und untersuchen Sie das Verhalten von $f_a$ für $x \to \infty$.
- Bestimmen Sie in Abhängigkeit von $a$ die Koordinaten des Hochpunktes $H_a$ und weisen Sie nach, dass dort tatsächlich ein Maximum vorliegt.
- Zeigen Sie, dass alle Hochpunkte $H_a$ auf der Geraden mit der Gleichung $y = x$ liegen, und geben Sie an, welcher Teil dieser Geraden dabei durchlaufen wird.
- Bestimmen Sie in Abhängigkeit von $a$ die Koordinaten des Wendepunktes $W_a$ und zeigen Sie, dass auch alle Wendepunkte auf einer Geraden durch den Ursprung liegen.
Eine volle Periode, ohne zu integrieren
AFB II · Zusammenhänge herstellenGegeben ist die in $\mathbb{R}$ definierte Funktion $w$ mit $w(x) = -3 \cdot \sin\!\left(\frac{x}{2}\right) + 3$. Die Abbildung zeigt ihren Graphen; die waagerechte Gerade mit der Gleichung $y = 3$ heißt im Folgenden Mittellinie.
- Begründen Sie, dass $w$ die kleinste Periode $p = 4\pi$ besitzt, und geben Sie den Wertebereich von $w$ an.
- Bestimmen Sie die Koordinaten des Hoch- und des Tiefpunktes des Graphen von $w$ im Intervall $0 \leq x \leq 4\pi$.
- Bestimmen Sie die Koordinaten der Wendepunkte in diesem Intervall und weisen Sie nach, dass der Graph punktsymmetrisch zum Wendepunkt $W(2\pi \mid 3)$ ist.
- Der Graph von $w$ schließt über einer vollen Periode mit der $x$-Achse eine Fläche ein. Bestimmen Sie deren Inhalt ohne Integralrechnung und begründen Sie Ihren Weg.
Zwei Kulturen, ein Vorsprung
AFB III · Reflektieren und BeurteilenIn einem Labor werden zwei gleich große Bakterienkulturen mit zwei verschiedenen Wirkstoffen behandelt. Zu Beginn enthält jede Kultur $400$ Millionen Bakterien. Für $t \geq 0$ beschreiben $N_A(t) = 400 \cdot e^{-0{,}2 \cdot t}$ und $N_B(t) = 400 \cdot e^{-0{,}4 \cdot t}$ die Anzahl der Bakterien in Millionen; dabei ist $t$ die seit dem Behandlungsbeginn vergangene Zeit in Stunden.
- Berechnen Sie, um wie viele Millionen Bakterien sich die beiden Kulturen zwei Stunden nach Behandlungsbeginn unterscheiden.
- Bestimmen Sie den Zeitpunkt, zu dem der Unterschied zwischen beiden Kulturen am größten ist, sowie diesen größten Unterschied. Weisen Sie nach, dass dort wirklich ein Maximum vorliegt.
- Die Graphen der beiden Ableitungsfunktionen $N_A'$ und $N_B'$ schneiden einander genau an dieser Stelle. Deuten Sie diesen Schnittpunkt im Sachzusammenhang.
- Beurteilen Sie die Aussage: „Zwölf Stunden nach Behandlungsbeginn ist in beiden Kulturen ohnehin fast nichts mehr übrig — welcher Wirkstoff verwendet wurde, spielt dann keine Rolle mehr.“
Lösungen
1 · Eine Schar mit wandernden Gipfeln
a) Ein Produkt ist genau dann null, wenn ein Faktor null ist. Der Faktor $e^{1 - a \cdot x}$ ist für jedes $x$ positiv, also bleibt nur $x = 0$: Jede Kurve der Schar geht durch den Ursprung, und zwar nur dort durch die $x$-Achse. Für das Grenzverhalten schreibt man $f_a(x) = \dfrac{x}{e^{a \cdot x - 1}}$. Der Nenner wächst für $a > 0$ schneller als jede Potenz von $x$, also gilt $f_a(x) \to 0$ für $x \to \infty$. Wegen $f_a(x) > 0$ für $x > 0$ nähert sich der Graph der $x$-Achse von oben.
b) Mit der Produktregel ist $f_a'(x) = 1 \cdot e^{1 - a x} + x \cdot (-a) \cdot e^{1 - a x} = e^{1 - a x} \cdot (1 - a \cdot x)$. Wieder ist der e-Term nie null, also $f_a'(x) = 0$ genau für $x = \dfrac{1}{a}$. Nochmaliges Ableiten liefert $f_a''(x) = a \cdot e^{1 - a x} \cdot (a \cdot x - 2)$, und an der Stelle $\dfrac{1}{a}$ ist $f_a''\!\left(\dfrac{1}{a}\right) = a \cdot e^{0} \cdot (1 - 2) = -a < 0$, denn $a$ ist positiv. Dort liegt also ein Maximum mit dem Wert $f_a\!\left(\dfrac{1}{a}\right) = \dfrac{1}{a} \cdot e^{1 - 1} = \dfrac{1}{a}$, kurz $H_a\!\left(\dfrac{1}{a} \mid \dfrac{1}{a}\right)$.
c) Der Hochpunkt hat die Koordinaten $x_H = \dfrac{1}{a}$ und $y_H = \dfrac{1}{a}$; beide Koordinaten stimmen für jedes $a$ überein, also erfüllt jeder Hochpunkt die Gleichung $y = x$. Durchlaufen wird dabei nicht die ganze Gerade: Weil $a$ alle positiven Zahlen durchläuft, nimmt $\dfrac{1}{a}$ ebenfalls jeden positiven Wert genau einmal an. Die Ortskurve ist damit die Halbgerade $y = x$ mit $x > 0$, der Ursprung selbst gehört nicht dazu.
d) Aus $f_a''(x) = a \cdot e^{1 - a x} \cdot (a \cdot x - 2) = 0$ folgt wegen $a > 0$ und $e^{1 - a x} > 0$ die einzige Lösung $x = \dfrac{2}{a}$. Der Faktor $a \cdot x - 2$ wechselt dort das Vorzeichen von minus nach plus, also liegt ein Wendepunkt vor. Sein Funktionswert ist $f_a\!\left(\dfrac{2}{a}\right) = \dfrac{2}{a} \cdot e^{-1} = \dfrac{2}{a \cdot e}$, also $W_a\!\left(\dfrac{2}{a} \mid \dfrac{2}{a \cdot e}\right)$. Setzt man $x = \dfrac{2}{a}$, so ist $y = \dfrac{2}{a \cdot e} = \dfrac{x}{e}$: Alle Wendepunkte liegen auf der Ursprungsgeraden $y = \dfrac{1}{e} \cdot x$ mit dem Anstieg $\dfrac{1}{e} \approx 0{,}368$.
Beim Ableiten ist $a$ eine feste Zahl, abgeleitet wird nach $x$ — $e^{1 - a x}$ liefert also den Faktor $-a$, nicht $-x$. Und wer nur eine einzelne Kurve untersucht, etwa die zu $a = 1$, hat über die Schar nichts gezeigt: Gefragt sind Aussagen, die für jedes $a > 0$ gelten.
2 · Eine volle Periode, ohne zu integrieren
a) Die Sinusfunktion wiederholt sich, sobald ihr Argument um $2\pi$ wächst. Hier ist das Argument $\frac{x}{2}$, es wächst also nur halb so schnell wie $x$: $w(x + 4\pi) = -3 \cdot \sin\!\left(\frac{x}{2} + 2\pi\right) + 3 = w(x)$. Kleiner kann die Periode nicht sein, denn den Wert $0$ nimmt $w$ nur an, wenn $\sin\!\left(\frac{x}{2}\right) = 1$ ist, und das passiert nur an den Stellen $x = \pi + 4 k \pi$ — je Periode also genau einmal. Aus $-1 \leq \sin\!\left(\frac{x}{2}\right) \leq 1$ folgt außerdem $-3 \leq -3 \cdot \sin\!\left(\frac{x}{2}\right) \leq 3$, der Wertebereich ist $0 \leq w(x) \leq 6$.
b) Mit der Kettenregel ist $w'(x) = -3 \cdot \cos\!\left(\frac{x}{2}\right) \cdot \frac{1}{2} = -\frac{3}{2} \cdot \cos\!\left(\frac{x}{2}\right)$. Der Kosinus ist null für $\frac{x}{2} = \frac{\pi}{2} + k\pi$, also für $x = \pi + 2k\pi$; im Intervall sind das $x = \pi$ und $x = 3\pi$. Mit $w''(x) = \frac{3}{4} \cdot \sin\!\left(\frac{x}{2}\right)$ ist $w''(\pi) = \frac{3}{4} > 0$ und $w''(3\pi) = -\frac{3}{4} < 0$. Also Tiefpunkt $T(\pi \mid 0)$ und Hochpunkt $H(3\pi \mid 6)$.
c) $w''(x) = 0$ verlangt $\sin\!\left(\frac{x}{2}\right) = 0$, also $\frac{x}{2} = k\pi$ und damit $x = 2k\pi$; im Intervall sind das $x = 0$, $x = 2\pi$ und $x = 4\pi$. An jeder dieser Stellen wechselt $w''$ das Vorzeichen, und der Funktionswert ist jeweils $3$: die Wendepunkte $(0 \mid 3)$, $W(2\pi \mid 3)$ und $(4\pi \mid 3)$. Für die Punktsymmetrie zu $W$ rechnet man mit beliebigem $u$: $w(2\pi - u) = -3 \cdot \sin\!\left(\pi - \frac{u}{2}\right) + 3 = -3 \cdot \sin\!\left(\frac{u}{2}\right) + 3$ und $w(2\pi + u) = -3 \cdot \sin\!\left(\pi + \frac{u}{2}\right) + 3 = 3 \cdot \sin\!\left(\frac{u}{2}\right) + 3$. Die Summe ist $w(2\pi - u) + w(2\pi + u) = 6 = 2 \cdot 3$ — genau die Bedingung dafür, dass $W$ Symmetriezentrum des Graphen ist.
d) Wegen $w(x) \geq 0$ liegt der Graph nirgends unter der $x$-Achse; der Flächeninhalt über einer Periode ist deshalb der Inhalt des Streifens zwischen Graph und Achse. Vergleicht man diesen Streifen mit dem Rechteck über $[0;\,4\pi]$ mit der Höhe $3$, so fehlt links das Stück zwischen Graph und Mittellinie, rechts kommt ein Stück oberhalb der Mittellinie hinzu. Die Punktspiegelung an $W$ aus Teil c) bildet das linke Stück genau auf das rechte ab, beide sind also inhaltsgleich: Was fehlt, wird ersetzt. Damit ist $A = 4\pi \cdot 3 = 12\pi \approx 37{,}7$ FE. Der Mittelwert der Funktionswerte über einer Periode ist entsprechend $\frac{12\pi}{4\pi} = 3$ — die Höhe der Mittellinie.
Die kleinste Periode von $\sin\!\left(\frac{x}{b}\right)$ ist $2\pi \cdot b$, nicht $\frac{2\pi}{b}$: Das Argument wächst langsamer als $x$, die Welle wird also breiter statt schmaler. Wer hier mit $\pi$ statt $4\pi$ rechnet, halbiert in d) die Fläche gleich mit.
3 · Zwei Kulturen, ein Vorsprung
a) $N_A(2) = 400 \cdot e^{-0{,}4} \approx 268{,}1$ und $N_B(2) = 400 \cdot e^{-0{,}8} \approx 179{,}7$. Die Differenz beträgt $d(2) = N_A(2) - N_B(2) \approx 88{,}4$, nach zwei Stunden also rund 88 Millionen Bakterien Unterschied.
b) Betrachtet wird die Differenzfunktion $d(t) = 400 \cdot \left(e^{-0{,}2 t} - e^{-0{,}4 t}\right)$ mit $d'(t) = 400 \cdot \left(-0{,}2 \cdot e^{-0{,}2 t} + 0{,}4 \cdot e^{-0{,}4 t}\right)$. Aus $d'(t) = 0$ folgt $0{,}4 \cdot e^{-0{,}4 t} = 0{,}2 \cdot e^{-0{,}2 t}$; Division durch $0{,}2 \cdot e^{-0{,}4 t}$ ergibt $2 = e^{0{,}2 t}$ und damit $t^{*} = \dfrac{\ln 2}{0{,}2} = 5 \cdot \ln 2 \approx 3{,}47$, also etwa 3 Stunden und 28 Minuten. Wegen $e^{-0{,}2 t^{*}} = \dfrac{1}{2}$ und $e^{-0{,}4 t^{*}} = \dfrac{1}{4}$ ist $d''(t^{*}) = 400 \cdot \left(0{,}04 \cdot \dfrac{1}{2} - 0{,}16 \cdot \dfrac{1}{4}\right) = -8 < 0$: ein Maximum. Der größte Unterschied beträgt $d(t^{*}) = 400 \cdot \left(\dfrac{1}{2} - \dfrac{1}{4}\right) = \mathbf{100}$ Millionen — Kultur A enthält dann $200$, Kultur B $100$ Millionen Bakterien.
c) Es ist $d'(t) = N_A'(t) - N_B'(t)$, und $d'(t^{*}) = 0$ bedeutet gerade $N_A'(t^{*}) = N_B'(t^{*})$ — das ist der Schnittpunkt der beiden Ableitungsgraphen. Dort schrumpfen beide Kulturen gleich schnell: $N_A'(t^{*}) = -80 \cdot \dfrac{1}{2} = -40$ und $N_B'(t^{*}) = -160 \cdot \dfrac{1}{4} = -40$, also je $40$ Millionen Bakterien pro Stunde. Vorher fällt $N_B$ schneller, der Abstand wächst; nachher fällt $N_A$ schneller, der Abstand schrumpft wieder. Der Schnittpunkt der Ableitungsgraphen markiert also genau den Umschlagpunkt.
d) Die Aussage ist nicht haltbar. Zwar sind die absoluten Zahlen klein geworden — $N_A(12) = 400 \cdot e^{-2{,}4} \approx 36{,}3$ und $N_B(12) = 400 \cdot e^{-4{,}8} \approx 3{,}3$ Millionen —, doch der Unterschied beträgt immer noch rund $33$ Millionen Bakterien, und relativ gesehen enthält Kultur A das $e^{2{,}4} \approx 11$-fache von Kultur B. Für die Behandlung zählt, wann eine Kultur unter eine vorgegebene Schranke fällt: Bis auf $4$ Millionen, also $1\ \%$ des Anfangswertes, braucht Wirkstoff B $t = \dfrac{\ln 100}{0{,}4} \approx 11{,}5$ Stunden, Wirkstoff A dagegen $t = \dfrac{\ln 100}{0{,}2} \approx 23{,}0$ Stunden — doppelt so lange. Im Modell wird ohnehin keine Kultur je vollständig leer, denn $e^{-k \cdot t} > 0$ für jedes $t$.
„Der Unterschied ist am größten“ heißt nicht „hier fällt eine Kurve am steilsten“. Gesucht ist das Maximum der Differenz, also $d'(t) = 0$ und damit $N_A'(t) = N_B'(t)$: Der Abstand wächst genau so lange, wie Kultur B schneller schrumpft als Kultur A.