Abitur-Training: Zufallsgrößen, Erwartungswert und faire Spiele
Drei Kugeln aus dem Behälter
AFB I · ReproduzierenIn einem undurchsichtigen Behälter liegen zehn gleich große Kugeln: vier rote und sechs blaue. Es werden nacheinander drei Kugeln zufällig ohne Zurücklegen gezogen. Die Zufallsgröße $X$ gibt die Anzahl der gezogenen roten Kugeln an.
- Stellen Sie die Wahrscheinlichkeitsverteilung von $X$ in einer Tabelle dar und weisen Sie nach, dass sich die Wahrscheinlichkeiten zu $1$ ergänzen.
- Berechnen Sie den Erwartungswert und die Standardabweichung von $X$ und deuten Sie den Erwartungswert im Sachzusammenhang.
- Bestimmen Sie die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die zweite gezogene Kugel rot ist.
- In den Behälter werden zusätzlich rote Kugeln gelegt. Ermitteln Sie, wie viele es sein müssen, damit beim Ziehen von zwei Kugeln ohne Zurücklegen mit der Wahrscheinlichkeit $0{,}5$ beide Kugeln rot sind.
Das Glücksrad beim Vereinsfest
AFB II · Zusammenhänge herstellenBeim Sommerfest eines Sportvereins steht ein Glücksrad. Der rote Sektor hat den Mittelpunktswinkel $45^\circ$, der gelbe Sektor $135^\circ$, der übrige Teil des Rades ist blau. Wer mitspielt, zahlt einen Einsatz von $2{,}00$ € und dreht das Rad einmal. Bleibt es im roten Sektor stehen, werden $8{,}00$ € ausgezahlt, im gelben Sektor $2{,}00$ €, im blauen Sektor nichts. Die Zufallsgröße $G$ beschreibt den Gewinn eines Spielers in Euro, also die Auszahlung vermindert um den Einsatz.
- Geben Sie die Wahrscheinlichkeiten der drei Sektoren an und stellen Sie die Wahrscheinlichkeitsverteilung von $G$ auf.
- Berechnen Sie $E(G)$ und begründen Sie damit, dass das Spiel nicht fair ist.
- Bestimmen Sie den Einsatz, bei dem das Spiel fair wäre. Ermitteln Sie außerdem, wie hoch die Auszahlung im roten Sektor sein müsste, damit das Spiel bei einem Einsatz von $2{,}00$ € fair ist.
- An einem Festtag wird das Rad $400$-mal gedreht. Berechnen Sie den zu erwartenden Gewinn des Veranstalters und ermitteln Sie, wie oft gedreht werden müsste, damit er im Mittel mindestens $250$ € einnimmt.
Drei Terme und ein Versprechen
AFB III · Reflektieren und BeurteilenAm Glücksrad aus Aufgabe 2 wird mehrfach hintereinander gespielt; die einzelnen Spiele beeinflussen sich nicht. Es bleibt bei $P(\text{rot}) = \frac{1}{8}$, $P(\text{gelb}) = \frac{3}{8}$ und $P(\text{blau}) = \frac{1}{2}$, bei einem Einsatz von $2{,}00$ € und bei $E(G) = -0{,}25$ € je Spiel.
- Formulieren Sie zu jedem der folgenden Terme ein passendes Ereignis im Sachzusammenhang und geben Sie seinen Wert an: (1) $1 - \left(\frac{1}{2}\right)^{4}$ • (2) $2 \cdot \frac{1}{8} \cdot \frac{3}{8}$ • (3) $\left(\frac{1}{2}\right)^{3} \cdot \frac{1}{8}$
- Ein Besucher behauptet: „Wer nur oft genug spielt, gewinnt am Ende ganz sicher.“ Beurteilen Sie diese Aussage mithilfe des Gesetzes der großen Zahlen.
- Der Veranstalter schlägt vor, die Auszahlung im roten Sektor von $8{,}00$ € auf $12{,}00$ € zu erhöhen und dafür den roten Sektor von $45^\circ$ auf $30^\circ$ zu verkleinern; der gelbe Sektor bleibt unverändert, der blaue wird entsprechend größer. Beurteilen Sie, ob das Spiel dadurch für die Spieler günstiger wird.
Lösungen
1 · Drei Kugeln aus dem Behälter
a) Jeder Pfad wird durchmultipliziert, Pfade zum selben Wert von $X$ werden addiert. Kein Treffer: $P(X = 0) = \frac{6}{10} \cdot \frac{5}{9} \cdot \frac{4}{8} = \frac{1}{6}$. Genau ein Treffer — drei Pfade mit denselben Faktoren in anderer Reihenfolge, jeder mit $\frac{1}{6}$: $P(X = 1) = 3 \cdot \frac{1}{6} = \frac{1}{2}$. Ebenso $P(X = 2) = 3 \cdot \frac{4}{10} \cdot \frac{3}{9} \cdot \frac{6}{8} = \frac{3}{10}$ und $P(X = 3) = \frac{4}{10} \cdot \frac{3}{9} \cdot \frac{2}{8} = \frac{1}{30}$. Die Tabelle lautet also: zu $k = 0;\,1;\,2;\,3$ gehören der Reihe nach $\frac{1}{6}$, $\frac{1}{2}$, $\frac{3}{10}$ und $\frac{1}{30}$. Probe: $\frac{5}{30} + \frac{15}{30} + \frac{9}{30} + \frac{1}{30} = 1$.
b) Erwartungswert: $E(X) = 0 \cdot \frac{1}{6} + 1 \cdot \frac{1}{2} + 2 \cdot \frac{3}{10} + 3 \cdot \frac{1}{30} = \frac{6}{5} = 1{,}2$. Für die Streuung zuerst $E(X^2) = 1 \cdot \frac{1}{2} + 4 \cdot \frac{3}{10} + 9 \cdot \frac{1}{30} = 2$, damit $\operatorname{Var}(X) = E(X^2) - \big(E(X)\big)^2 = 2 - 1{,}44 = 0{,}56$ und $\sigma = \sqrt{0{,}56} \approx 0{,}75$. Deutung: Wiederholt man das Ziehen sehr oft, so sind unter drei Kugeln im Mittel $1{,}2$ rote — das passt zum Anteil von $40\ \%$ roten Kugeln im Behälter. Ein einzelner Versuch liefert diesen Wert nie, er liegt zwischen den möglichen Ergebnissen $1$ und $2$.
c) Die zweite Kugel ist rot, wenn die erste rot war (Pfad $\text{rot--rot}$) oder wenn die erste blau war (Pfad $\text{blau--rot}$): $P = \frac{4}{10} \cdot \frac{3}{9} + \frac{6}{10} \cdot \frac{4}{9} = \frac{12}{90} + \frac{24}{90} = \frac{2}{5} = 0{,}4$. Das ist genau die Wahrscheinlichkeit für „rot“ beim ersten Zug. Solange man über den ersten Zug nichts weiß, ändert die Reihenfolge nichts — anders sieht es erst aus, wenn das Ergebnis des ersten Zuges bekannt ist.
d) Kommen $x$ rote Kugeln dazu, so liegen $4 + x$ rote unter $10 + x$ Kugeln. Gefordert ist $\frac{4+x}{10+x} \cdot \frac{3+x}{9+x} = \frac{1}{2}$, also $2 \cdot (4+x)(3+x) = (10+x)(9+x)$ und ausmultipliziert $2x^2 + 14x + 24 = x^2 + 19x + 90$. Das ergibt die quadratische Gleichung $x^2 - 5x - 66 = 0$ mit $x_{1,2} = \frac{5 \pm \sqrt{25 + 264}}{2} = \frac{5 \pm 17}{2}$, also $x_1 = 11$ und $x_2 = -6$. Negative Kugelzahlen gibt es nicht, es müssen also 11 rote Kugeln hinzugelegt werden. Probe: Im Behälter liegen dann $15$ rote und $6$ blaue Kugeln, und $\frac{15}{21} \cdot \frac{14}{20} = \frac{210}{420} = 0{,}5$.
Ohne Zurücklegen ist $X$ nicht binomialverteilt. Der Erwartungswert stimmt hier zwar zufällig mit $n \cdot p = 3 \cdot 0{,}4 = 1{,}2$ überein, die Streuung aber nicht: Mit Zurücklegen wäre $\operatorname{Var}(X) = 3 \cdot 0{,}4 \cdot 0{,}6 = 0{,}72$, hier sind es nur $0{,}56$. Wer eine Kugel herausnimmt, verkleinert den Vorrat — die Ergebnisse liegen dichter beisammen.
2 · Das Glücksrad beim Vereinsfest
a) Der blaue Sektor füllt den Rest des Vollkreises, misst also $360^\circ - 45^\circ - 135^\circ = 180^\circ$. Jede Wahrscheinlichkeit ist der Anteil des Sektors am Vollkreis: $P(\text{rot}) = \frac{45^\circ}{360^\circ} = \frac{1}{8}$, $P(\text{gelb}) = \frac{135^\circ}{360^\circ} = \frac{3}{8}$ und $P(\text{blau}) = \frac{180^\circ}{360^\circ} = \frac{1}{2}$; zusammen $1$. Vom Einsatz $2{,}00$ € bleibt: bei Rot $8 - 2 = 6$, bei Gelb $2 - 2 = 0$, bei Blau $0 - 2 = -2$. Also nimmt $G$ die Werte $6$, $0$ und $-2$ an, mit den Wahrscheinlichkeiten $\frac{1}{8}$, $\frac{3}{8}$ und $\frac{1}{2}$.
b) $E(G) = 6 \cdot \frac{1}{8} + 0 \cdot \frac{3}{8} + (-2) \cdot \frac{1}{2} = 0{,}75 - 1 = -0{,}25$. Fair heißt $E(G) = 0$ — der Einsatz entspricht dann genau der erwarteten Auszahlung. Hier ist $E(G) = -0{,}25 \neq 0$: Jeder Spieler verliert auf lange Sicht im Mittel $25$ Cent je Spiel. Das Spiel ist also nicht fair, sondern zugunsten des Veranstalters angelegt.
c) Die erwartete Auszahlung hängt nicht vom Einsatz ab: $8 \cdot \frac{1}{8} + 2 \cdot \frac{3}{8} + 0 \cdot \frac{1}{2} = 1 + 0{,}75 = 1{,}75$. Ein faires Spiel verlangt genau diesen Einsatz, also $1{,}75$ €. Soll dagegen der Einsatz bei $2{,}00$ € bleiben, muss die Auszahlung $a$ im roten Sektor die Gleichung $\frac{1}{8} \cdot a + \frac{3}{8} \cdot 2 = 2$ erfüllen. Daraus folgt $\frac{1}{8} \cdot a = 1{,}25$ und $a = 10$, der Hauptgewinn müsste also auf $10{,}00$ € steigen.
d) Was der Spieler im Mittel verliert, gewinnt der Veranstalter: $0{,}25$ € je Drehung. Bei $400$ Drehungen sind das $400 \cdot 0{,}25 = 100$, also $100$ €. Für mindestens $250$ € muss $n \cdot 0{,}25 \geq 250$ gelten, also $n \geq 1000$: Das Rad müsste mindestens $1000$-mal gedreht werden. Das ist ein Erwartungswert und keine Garantie — an einem einzelnen Tag kann die Einnahme deutlich darüber oder darunter liegen.
Auszahlung und Gewinn sind zwei verschiedene Zufallsgrößen. Wer den Einsatz vergisst, rechnet mit $E = 1{,}75$ und hält das Spiel für vorteilhaft. Und „fair“ heißt nicht „jeder gewinnt gleich oft“, sondern genau: der Erwartungswert des Gewinns ist $0$.
3 · Drei Terme und ein Versprechen
a) (1) Das Gegenereignis zu „viermal hintereinander blau“: In vier Spielen gibt es mindestens einmal eine Auszahlung, das Rad bleibt also mindestens einmal nicht im blauen Sektor stehen. Wert: $1 - \frac{1}{16} = \frac{15}{16} = 0{,}9375$. (2) In zwei Spielen fällt genau einmal rot und einmal gelb; der Faktor $2$ steht für die beiden möglichen Reihenfolgen rot–gelb und gelb–rot. Wert: $\frac{3}{32} \approx 0{,}094$. (3) In den ersten drei Spielen fällt jedes Mal blau, im vierten Spiel rot: Der erste Hauptgewinn kommt genau im vierten Spiel. Wert: $\frac{1}{64} \approx 0{,}016$.
b) Die Aussage ist falsch, weil sie zwei Dinge verwechselt. Richtig ist: Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann mindestens einmal den Hauptgewinn zu treffen, ist $1 - \left(\frac{7}{8}\right)^{n}$ und nähert sich für große $n$ dem Wert $1$. Über die Bilanz sagt das nichts. Nach dem Gesetz der großen Zahlen nähert sich der durchschnittliche Gewinn je Spiel mit wachsender Spielzahl dem Erwartungswert $E(G) = -0{,}25$ € an; der Gesamtgewinn nach $n$ Spielen liegt also bei etwa $n \cdot (-0{,}25)$ € und wandert immer weiter ins Minus. Wer $1000$-mal spielt, verliert im Mittel $250$ €. Je länger gespielt wird, desto sicherer ist der Verlust — nicht der Gewinn.
c) Zu vergleichen sind die Erwartungswerte. Neu ist $P(\text{rot}) = \frac{30^\circ}{360^\circ} = \frac{1}{12}$, der gelbe Sektor behält $\frac{3}{8}$, der blaue wächst auf $\frac{195^\circ}{360^\circ} = \frac{13}{24}$; zusammen ergibt das wieder $1$. Die erwartete Auszahlung beträgt $\frac{1}{12} \cdot 12 + \frac{3}{8} \cdot 2 = 1 + 0{,}75 = 1{,}75$, also genau so viel wie vorher, und damit ist auch $E(G) = 1{,}75 - 2 = -0{,}25$ € unverändert. Das Spiel wird für die Spieler nicht günstiger: Der größere Hauptgewinn wird durch den kleineren Sektor genau aufgewogen. Es ändert sich nur die Streuung — Hauptgewinne werden seltener, fallen dafür höher aus.
Ein größerer Hauptgewinn allein sagt nichts aus; entscheidend ist das Produkt aus Wahrscheinlichkeit und Auszahlung. Und das Gesetz der großen Zahlen macht eine Aussage über den Durchschnitt vieler Spiele, nicht über das einzelne Spiel: Es gibt keine „ausgleichende Kraft“, die nach vielen Nieten einen Treffer nachliefert — jede Drehung startet bei denselben Wahrscheinlichkeiten.