Abitur-Training: Integralrechnung — Flächen und Mittelwerte
Was das Integral verschweigt
AFB I · ReproduzierenGegeben ist die in $\mathbb{R}$ definierte Funktion $f$ mit $f(x) = x^3 - x^2 - 2 \cdot x$. Der Graph von $f$ schließt mit der $x$-Achse zwei Flächenstücke vollständig ein: das Stück $A_1$ über der Achse und das Stück $A_2$ darunter (siehe Abbildung).
- Berechnen Sie die Nullstellen von $f$.
- Geben Sie eine Stammfunktion $F$ von $f$ an und berechnen Sie den Inhalt des Flächenstücks $A_1$.
- Berechnen Sie den Inhalt des Flächenstücks $A_2$ und den gesamten Inhalt der beiden eingeschlossenen Flächenstücke.
- Berechnen Sie $\int_{-1}^{2} f(x)\,dx$ und den Mittelwert der Funktionswerte von $f$ über dem Intervall $[-1;\,2]$. Erklären Sie, warum das Integral hier nicht der Flächeninhalt ist.
Die Linse zwischen Parabel und Gerade
AFB II · Zusammenhänge herstellenGegeben sind die in $\mathbb{R}$ definierten Funktionen $f$ mit $f(x) = -x^2 + 6 \cdot x - 5$ und $g$ mit $g(x) = x - 1$. Ihre Graphen schließen eine Fläche vollständig ein (siehe Abbildung).
- Berechnen Sie die Schnittstellen der beiden Graphen und geben Sie die Schnittpunkte $P$ und $Q$ an.
- Berechnen Sie den Inhalt $A$ der eingeschlossenen Fläche sowie den mittleren senkrechten Abstand der beiden Graphen über dem Intervall $[1;\,4]$.
- Zeigen Sie, dass die Parallele zur $y$-Achse mit der Gleichung $x = 2{,}5$ die eingeschlossene Fläche halbiert.
- Die Gerade $h$ verläuft durch den Punkt $P$ und hat den Anstieg $m$ mit $1 < m < 4$. Bestimmen Sie $m$ so, dass $h$ die eingeschlossene Fläche im Verhältnis $1 : 7$ teilt.
Was die Anlage am Tag liefert
AFB III · Reflektieren und BeurteilenEine Photovoltaikanlage liefert an einem wolkenlosen Sommertag die Leistung $p$ mit $p(t) = 3 \cdot t - 0{,}25 \cdot t^2$ für $0 \leq t \leq 12$. Dabei ist $t$ die Zeit in Stunden nach $6$ Uhr und $p(t)$ die Leistung in Kilowatt (kW). Der Inhalt der Fläche zwischen dem Graphen und der $t$-Achse gibt die in diesem Zeitraum erzeugte Energie in Kilowattstunden (kWh) an.
- Berechnen Sie, wie viel Energie die Anlage an diesem Tag insgesamt erzeugt, und geben Sie die mittlere Leistung über die zwölf Stunden an.
- Bestimmen Sie den Zeitpunkt, zu dem die Hälfte der Tagesenergie erzeugt ist.
- Der Haushalt verbraucht durchgehend $5$ kW. Bestimmen Sie den Zeitraum, in dem die Anlage mehr liefert, als verbraucht wird, und berechnen Sie die in diesem Zeitraum anfallende Überschussenergie.
- Beurteilen Sie die Aussage: „Ein Speicher mit einer Kapazität von 20 kWh genügt, um den gesamten Überschuss dieses Tages aufzunehmen.“
Lösungen
1 · Was das Integral verschweigt
a) Ausklammern statt Formel: $f(x) = x \cdot (x^2 - x - 2) = x \cdot (x-2) \cdot (x+1)$. Ein Produkt ist genau dann null, wenn ein Faktor null ist, also $x_1 = -1$, $x_2 = 0$ und $x_3 = 2$. Alle drei Nullstellen sind einfach, der Graph wechselt dort jeweils das Vorzeichen.
b) $F(x) = \dfrac{1}{4} x^4 - \dfrac{1}{3} x^3 - x^2$, denn $F'(x) = x^3 - x^2 - 2x$. Über der Achse liegt das Stück zwischen $x = -1$ und $x = 0$: $A_1 = \int_{-1}^{0} f(x)\,dx = F(0) - F(-1) = 0 - \left(\dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{3} - 1\right) = \dfrac{5}{12} \approx 0{,}42$ FE.
c) Zwischen $x = 0$ und $x = 2$ ist $f(x) \leq 0$, das Integral wird dort negativ: $\int_{0}^{2} f(x)\,dx = F(2) - F(0) = \left(4 - \dfrac{8}{3} - 4\right) - 0 = -\dfrac{8}{3}$. Der Flächeninhalt ist der Betrag davon, also $A_2 = \dfrac{8}{3} \approx 2{,}67$ FE. Zusammen ergibt sich $A_1 + A_2 = \dfrac{5}{12} + \dfrac{32}{12} = \dfrac{37}{12} \approx 3{,}08$ FE.
d) $\int_{-1}^{2} f(x)\,dx = F(2) - F(-1) = -\dfrac{8}{3} + \dfrac{5}{12} = -\dfrac{9}{4} = -2{,}25$. Der Mittelwert der Funktionswerte ist $\bar{f} = \dfrac{1}{2 - (-1)} \int_{-1}^{2} f(x)\,dx = \dfrac{1}{3} \cdot \left(-\dfrac{9}{4}\right) = -\dfrac{3}{4}$. Das Integral zählt Flächenstücke unter der Achse negativ: Es liefert $A_1 - A_2 = \dfrac{5}{12} - \dfrac{8}{3} = -\dfrac{9}{4}$ und damit gerade nicht $A_1 + A_2$. Für den Flächeninhalt muss man an jeder Nullstelle mit Vorzeichenwechsel trennen und die Beträge der Teilintegrale addieren.
Der Betrag steht außen um jedes Teilintegral, nicht um das Gesamtintegral: $\left|\int_{-1}^{0} f\right| + \left|\int_{0}^{2} f\right| = \dfrac{37}{12}$, aber $\left|\int_{-1}^{2} f\right| = \dfrac{9}{4}$. Wer die Nullstellen überspringt, verrechnet sich hier um mehr als $0{,}8$ Flächeneinheiten.
2 · Die Linse zwischen Parabel und Gerade
a) Gleichsetzen: $-x^2 + 6x - 5 = x - 1$, also $x^2 - 5x + 4 = 0$ und damit $(x-1) \cdot (x-4) = 0$. Die Schnittstellen sind $x = 1$ und $x = 4$. Mit $g(1) = 0$ und $g(4) = 3$ folgt $P(1 \mid 0)$ und $Q(4 \mid 3)$.
b) Zwischen den Schnittstellen verläuft der Graph von $f$ oberhalb des Graphen von $g$, die Differenzfunktion ist $d(x) = f(x) - g(x) = -x^2 + 5 \cdot x - 4$. Damit $A = \int_1^4 d(x)\,dx = \left[-\dfrac{1}{3}x^3 + \dfrac{5}{2}x^2 - 4x\right]_1^4 = \dfrac{8}{3} - \left(-\dfrac{11}{6}\right) = \dfrac{9}{2} = 4{,}5$ FE. Der mittlere senkrechte Abstand ist $\bar{d} = \dfrac{1}{4-1} \cdot \dfrac{9}{2} = \dfrac{3}{2} = 1{,}5$.
c) $\int_1^{2{,}5} d(x)\,dx = \left[-\dfrac{1}{3}x^3 + \dfrac{5}{2}x^2 - 4x\right]_1^{2{,}5} = \dfrac{5}{12} - \left(-\dfrac{11}{6}\right) = \dfrac{9}{4}$, und das ist genau $\dfrac{1}{2} \cdot \dfrac{9}{2}$. Beide Teile sind also gleich groß. Das ist kein Zufall: $d$ ist eine nach unten geöffnete Parabel mit den Nullstellen $1$ und $4$, ihr Scheitel liegt bei $x = \dfrac{1+4}{2} = 2{,}5$. Der Graph von $d$ ist symmetrisch zu dieser Geraden, und damit auch die Fläche.
d) Es ist $h(x) = m \cdot (x-1)$. Wegen $f(x) = -(x-1) \cdot (x-5)$ gilt $f(x) - h(x) = (x-1) \cdot (5 - m - x)$, die zweite Schnittstelle von $h$ mit der Parabel ist also $x = 5 - m$. Mit der Streifenbreite $c = (5-m) - 1 = 4 - m$ und der Substitution $u = x - 1$ ergibt sich $\int_1^{5-m} (x-1)(5-m-x)\,dx = \int_0^{c} u \cdot (c-u)\,du = \dfrac{c^3}{6}$. Das kleinere Stück soll $\dfrac{1}{8}$ der Gesamtfläche sein: $\dfrac{c^3}{6} = \dfrac{1}{8} \cdot \dfrac{9}{2} = \dfrac{9}{16}$, also $c^3 = \dfrac{27}{8}$ und $c = \dfrac{3}{2}$. Damit ist $m = 4 - \dfrac{3}{2} = 2{,}5$ und $h(x) = 2{,}5 \cdot x - 2{,}5$; die Gerade trifft die Parabel in $R(2{,}5 \mid 3{,}75)$. Die Teilflächen sind $\dfrac{9}{16}$ und $\dfrac{63}{16}$, ihr Verhältnis ist $1 : 7$.
Der Inhalt zwischen zwei Graphen ist immer $\int (\text{oben} - \text{unten})\,dx$ — ob die Graphen dabei über oder unter der $x$-Achse liegen, spielt keine Rolle: Verschiebt man beide um denselben Betrag nach oben, hebt sich die Verschiebung in der Differenz weg. Wer stattdessen zwei Einzelflächen zur $x$-Achse ausrechnet und voneinander abzieht, bekommt spätestens beim nächsten Vorzeichenwechsel Unsinn.
3 · Was die Anlage am Tag liefert
a) $\int_0^{12} \left(3t - 0{,}25 \cdot t^2\right) dt = \left[1{,}5 \cdot t^2 - \dfrac{t^3}{12}\right]_0^{12} = 216 - 144 = 72$. Die Anlage erzeugt an diesem Tag 72 kWh. Die mittlere Leistung ist $\bar{p} = \dfrac{1}{12} \cdot 72 = 6$ kW — deutlich weniger als die größte Leistung $p(6) = 9$ kW.
b) Gesucht ist $t$ mit $1{,}5 \cdot t^2 - \dfrac{t^3}{12} = 36$, also $t^3 - 18 \cdot t^2 + 432 = 0$. Die Lösung $t = 6$ erkennt man durch Probieren; Abspalten des Linearfaktors ergibt $(t-6) \cdot (t^2 - 12t - 72) = 0$ mit den weiteren Lösungen $t = 6 \pm 6\sqrt{3}$, die beide außerhalb von $[0;\,12]$ liegen. Nach 6 Stunden, also um 12 Uhr, ist die Hälfte erzeugt. Das passt zur Symmetrie: Wegen $p(6-u) = p(6+u) = 9 - 0{,}25 \cdot u^2$ ist der Graph symmetrisch zur Geraden $t = 6$.
c) $3t - 0{,}25 \cdot t^2 = 5$ führt auf $t^2 - 12 \cdot t + 20 = 0$, also $(t-2) \cdot (t-10) = 0$. Zwischen $t = 2$ und $t = 10$ — das entspricht 8 Uhr bis 16 Uhr — liegt der Graph über der Verbrauchslinie. Der Überschuss ist $\int_2^{10} \left(3t - 0{,}25 \cdot t^2 - 5\right) dt = \left[1{,}5 \cdot t^2 - \dfrac{t^3}{12} - 5t\right]_2^{10} = \dfrac{50}{3} - \left(-\dfrac{14}{3}\right) = \dfrac{64}{3} \approx 21{,}3$ kWh.
d) Die Aussage ist falsch. Der Überschuss beträgt $\dfrac{64}{3} \approx 21{,}3$ kWh, rund $1{,}3$ kWh mehr, als der Speicher fasst. An einem einzelnen Funktionswert ist das nicht abzulesen: Die größte Überschussleistung ist $p(6) - 5 = 4$ kW, und $4 \cdot 8 = 32$ kWh ist nur eine grobe obere Schranke — an den Rändern des Zeitraums ist der Überschuss null. Erst das Integral über den gesamten Zeitraum liefert die tatsächlich gespeicherte Menge.
Kilowatt sind keine Kilowattstunden. $p(6) = 9$ ist eine Leistung und sagt nur, wie schnell in diesem Augenblick Energie erzeugt wird. Die Menge steckt in der Fläche unter dem Graphen — deshalb hilft bei d) kein Funktionswert, sondern nur das Integral.